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DGS-Qualitätsstandard für die Kleinbild-Stereodiaprojektion

Deutsche Gesellschaft für Stereoskopie e.V.1

 

Dieser Standard beinhaltet allgemeingültige Richtlinien und Grenzwerte speziell für die Projektion von Kleinbildstereodias. Er wird zu gegebener Zeit um die Belange der Mittelformat- Stereobildprojektion und des Stereobilddruckes erweitert werden.

Die Fusion zweier Stereo-Teilbilder zu einem Raumbild ist äußerst empfindlich gegenüber Störungen und allen nicht-stereoskopischen Unterschieden der Teilbilder. Der Genuß am Raumbild wird schon bei den geringsten Bildfehlern schwer beeinträchtigt - beim längeren Betrachten ungeeigneter Stereobildpaare reagieren viele Menschen sogar mit Augen- oder Kopfschmerzen. Um dies zu vermeiden, sind bei jeder öffentlichen Darstellung von Stereobildern strenge Maßstäbe an ihre technische Qualität zu stellen. Insbesondere gilt dies für die Aufführung vor einem Laienpublikum, das nach einen Vortrag mit Fusionsstörungen wohl keinen zweiten 3D-Vortrag mehr besuchen wird.

Die Beachtung dieses DGS-Qualitätsstandards stellt deshalb für öffentliche Stereodiavorträge gegenüber dem Publikum einen Akt der Höflichkeit dar und sollte gegenüber der Gemeinschaft der Stereoschaffenden eine Ehrensache sein!

1. Seitenfehler

Legt man zwei Stereo-Teilbilder deckungsgleich übereinander, weisen je zwei korrespondierende Bildpunkte einen seitlichen Versatz auf. Werden hierbei bestimmte Werte überschritten, besitzt das Stereobild einen Seitenfehler. Hierbei unterscheidet man drei verschiedene Ursachen: a) das Stereobild besitzt insgesamt zu viel Tiefe, die Aufnahmeregel ist nicht erfüllt, b) das Scheinfenster beschneidet Teile des Raumbildes, die Rahmungsregel ist nicht erfüllt oder c) das projizierte Stereobild erzwingt eine divergente Augenstellung, die Wiedergaberegel ist nicht erfüllt.

Diese 3 Regeln sollen hier noch einmal kurz erläutert werden.

1.1 Die Aufnahmeregel

Der für eine Stereoprojektion nutzbare Bildraum erstreckt sich vom Scheinfenster (vordere Begrenzung des nutzbaren Bildraums) bis zum Unendlichpunkt (hintere Grenze des nutzbaren Bildraums). Für eine erlebnisreiche Präsentation sollte dieser nutzbare Bildraum zwar möglichst groß sein, allerdings sind der Ausdehnung des Bildraums natürliche Grenzen gesetzt.

Daraus ergibt sich eine erste prinzipielle Forderung an jedes Stereobiid: Um den bei einer Stereoprojektion nutzbaren Bildraum nicht zu überschreiten, muß die in einem Stereobild enthaltene Tiefe begrenzt sein. Ein Maß für die in einem Stereobild enthaltene Tiefe ist die Differenz aus der maximalen parallaktischen Verschiebung (beim Fernpunkt) und der minimalen parallaktischen Verschiebung (beim Nahpunkt) von je zwei korrespondierenden Bildpunkten. Diese Differenz wird auch Deviation genannt und darf bei einem zu projizierenden Stereobild nicht größer als 1/30 der Bildbreite sein (ca. 1,2mm beim Kleinbild).

1.2 Die Rahmungsregel

Bei der Stereoprojektion (und auch beim Betrachten mit einem Stereobetrachter) wird das Raumbild in der Regel hinter einer scheinbaren Öffnung einer Wand wahrgenommen. Diese Öffnung heißt Scheinfenster. Bei einer Verletzung der Rahmungsregel befindet sich das Raumbild zu weit vor dem Scheinfenster und Teile des Raumbildes scheinen die Wand zu durchdringen oder werden von dem Fenster angeschnitten. Dies ist ein unerwünschter "Bildfehler", der zu einem deutlich verminderten Betrachtungsgenuß führt.

Dagegen wird bei Einhaltung der Rahmungsregel das gesamte Bild hinter dem Scheinfenster wahrgenommen. Nur freistehende Objekte, die innerhalb der Rahmenfenster und im vorderen Aufnahmeraum liegen - wie zum Beispiel ein frontal aufgenommener Elefantenrüssel - dürfen in Einklang mit der Rahmungsregel (und sollten auch) aus dem Scheinfenster herausragen.

1.3 Die Wiedergaberegel

Beim Sehen in die Ferne sind die Achsen der beiden Augen parallel und beim Sehen in die Nähe etwas nach Innen geneigt. Niemals aber kommen beim natürlichen Sehen auseinanderlaufende (divergente) Augenachsen vor. Wird der Betrachter eines Stereobildes längere Zeit zu divergenten Augenachsen gezwungen, sind Kopfschmerzen die unausweichliche Folge. Auch wenn einige alte "Stereo-Hasen" zu ganz erstaunlicher Augenakrobatik fähig sind, sollte das Stereo-Sehen ein Genuß für jeden Betrachter sein.

Der maximal tolerierbare Divergenzwinkel beträgt etwa 0,5°. Bei diesem Wert laufen die Sehachsen bei jedem Meter Entfernung ca. 1cm auseinander Für den Projizierenden ergibt sich damit die Notwendigkeit, den Abstand des vordersten Betrachters von der Leinwand abzuschätzen und den Fernpunktabstand auf der Leinwand auf maximal 6,5 cm plus 1cm je Meter Betrachtungsabstand zu begrenzen. Für Projektionen über einem Vergrößerungsfaktor von 100 muß dafür in der Regel das Scheinfenster vor die Leinwand gesetzt werden.

2. Höhenfehler

Alle nicht-horizontalen Bildpunktverschiebungen korrespondierender Bildpunkte werden als Höhenfehler bezeichnet und sind grundsätzlich zu vermeiden. Die häufigsten Ursachen für Höhenfehler sind:

a)

Unterschiedliche Brennweiten der Aufnahmeobjektive

b)

Verzeichnungen der Aufnahmeobjektive

c)

konvergente (nicht-parallele) Aufnahmeachsen

d)

Rotationsfehler bei der Diarahmung

e)

Höhenversatz bei der Diarahmung

f)

Unterschiedliche Brennweiten der Wiedergabeobjektive

g)

konvergente (nicht-parallele) Projektionsachsen

h)

Rotationsversatz bei der Projektion

i)

Höhenversatz bei der Projektion

Der resultierende Gesamtfehler aller dieser Ursachen (ohne i): Höhenversatz bei der Projektion) sollte an keiner Stelle im Stereobild 2‰ der Bildhöhe überschreiten, im Kleinbilddia mit 24mm Bildhöhe also maximal 5/100mm. Dieser resultierende Gesamtfehler wird im folgenden als Höhenfehler des Stereobildes gegenüber dem Diarahmen, oder kurz: Stereobild-Höhenfehler genannt. Für den Höhenversatz bei der Projektion, also für den Projektions-Höhenfehler werden weitere 2‰ der Bildhöhe zugebilligt. Diese Zahlenwerte sind das Ergebnis langjähriger Erfahrungen und orientieren sich einerseits an den Wahrnehmungen eines stereo-unerfahrenen Publikums, andererseits aber auch an den technischen Möglichkeiten zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes. Viele erfahrene und im Stereosehen geschulte (und entsprechend sensible) Stereofotografen streben tatsächlich für ihre eigenen Produktionen einen nochmals reduzierten Grenzwert von etwa 1‰ für den Stereobild-Höhenfehler an. Eine zukünftige entsprechende Anpassung der obigen Forderung sollte deshalb nicht ausgeschlossen werden, sobald der allgemeine technische Fortschritt diesen Schritt erlaubt.

3. Abschließende Bemerkungen

Durch welche technische Maßnahmen ein Stereofotograf die Einhaltung der hier genannten Regeln und Grenzwerte erreicht, liegt in seinem eigenen Verantwortungsbereich. Die Grenzwerte können aber regelmäßig dann erreicht und sogar unterschritten werden, wenn jedem einzelnen der oben genannten Punkte die ihm gebührende Aufmerksamkeit erbracht und ausschließlich stereotaugliches Material eingesetzt wird. Beispielsweise sollten nur solche Diarähmchen zum Einsatz kommen, welche eine Rotation der Dias erst gar nicht zulassen. Im Übrigen sollen an dieser Stelle aber keine technischen Realisierungen verglichen oder bewertet werden - dies ist Aufgabe und Thema des stereo journal und der Mitgliedertreffen in den DGS-Regionalgruppen.

4. Checkliste technischer Qualitätskriterien für eine Stereoprojektion.

Aufnahmeregel erfüllt:

Deviation im Stereobild maximal 1/30 der Bildbreite (1,2mm bei KB).

Rahmungsregel erfüllt:

Kein Teil des Raumbildes vom Scheinfenster beschnitten.

Wiedergaberegel erfüllt:

Divergenz durch Fernpunktabstand auf der Leinwand maximal 0,5°.

Stereobild-Höhenfehler besser als 2‰ der Bildhöhe (5/100mm bei KB).

Höhenversatz bei der Projektion besser als 2‰ der Bildhöhe.

- Gerhard Peter Herbig -

 

1 Deutsche Gesellschaft für Stereoskopie eV.

Kurt-Schumacher-Ring 50, D-63486 Bruchköbel,

http://www.stereoskopie.org.

2 Kommentare, insbesondere zur Aufnahme-, Rahmungs- und Wiedergaberegel, siehe "Die 3 Goldenen Regeln der Stereofotografie", von Gerhard P. Herbig in stereo journal 65, 3/2002, S. 11-14, sowie unter http://www.stereofotografie.info/.


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